Die Anwälte der Gilets Jaunes – Menschen mit Courage

Die Anwälte der Gilets Jaunes – Menschen mit Courage

Als engagierte Anwältin muss sich Sophia Albert Salmeron, heute am 4. Juli in Avignon, vor einem Tribunal verantworten, weil sie den Gelben Westen geholfen habe. Ihr Einsatz ist selbstaufopfernd, bemerkenswert. Man spürt wie ihr die Geschehnisse in Frankreich schwer zu schaffen machen.

 

Internationaler Strafgerichtshof Den Haag, 11.06.19

Es war ein emotional geladener Tag als die Anwältin Sophia Albert Salmeron und Francis Lalanne, vertreten durch den Anwalt Ghislain Mabanga, ihre Beschwerde am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, gegen den französischen Präsidenten Emmanuel Macron und den Innenminister Christoph Castaner, vorbrachten. Einen Ordner mit mehr als 1000 Seiten Beweismaterial über die Verbrechen gegen die Menschenrechte der Gilets Jaunes. Mit von der Partie, ein Dutzend Gilets Jaunes aus den Niederlanden und Deutschland.

 

Um einen Präsidenten oder Minister anzugreifen, gibt es nur einen Gerichtshof, den Internationalen Strafgerichtshof. Da die Beschwerden von Francis Lalanne und Sophia Albert Salmeron von äquivalenter Bedeutung sind, haben beide Parteien entschieden die Beschwerde zu verknüpfen und eine solidere, gemeinsame Akte vor Gericht vorzulegen.

Francis Lalanne & Sophia Albert Salmeron

 

Le Flashball

 

Francis LaLanne hält ein Gummgeschoss in die Kamera. Ein sogenannter Flashball, eine angeblich nicht letale Waffe, abgefeuert aus einem LBD40 Werfer. Eine Waffe, hergestellt von Brügger & Thomet, einem Schweizer Unternehmen, welches auf die Herstellung von Ausrüstungsgegenständen und Waffen für Polizei und Militär spezialisiert ist. Nach dem Vorwurf, die Waffe sei nicht treffsicher, verwieß B&T in einer Stellungnahme darauf, dass dabei dem Unternehmen unbekannte Munition, bei den Gelbwestenprostesten in Frankreich, eingesetzt wird. Diese sei nicht, das für den Werfer entwickelte nicht-letale Impulsgeschoss SIR. Laut dem Unternehmen vergrößere andere Munition das Verletzungsrisiko erheblich (ein mit Gummi ummantelter Stahlkern) und verschlechtere die Präzision des Werfers.  

Vergleich CTS und SIR Munition

„Wir müssen das beenden, es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, argumentiert Lalanne vor der Kamera. Angesichts der durch die Waffe verursachten schweren Verletzungen und Verstümmelungen. Mehr als 20 Menschen verloren durch den Einsatz der Flashballs ein Auge. Auch Jugendliche sind unter den Opfern. Sie sind für immer gezeichnet. Auch Treffer aus kurzer Distanz in bestimmte Organe können damit tödlich enden.

LBD40 Waffe (Quelle: lexpress.fr)

Hohe Anzahl von Kopftreffern mit Hilfe eines Reflexvisiers

Die Waffe, LBD40, ist mit einem Reflexvisier ausgestattet. Eine optische Zielvorrichtung, die einen roten Punkt, beim Zielen mit beiden Augen, auf dem Ziel projiziert. Die Schützen der Einsatzkräfte sind speziell für diese Waffe geschult. Somit erhärtet sich der Verdacht, dass hier gezielt auf die Köpfe der Demonstranten geschossen wird.  

 

Sie haben sie angesehen, auf sie gezielt und beschlossen abzudrücken.
Das Resultat: Schwere Hirnverletzungen und ein blindes Auge. (Quelle Facebook)

Sophia Albert Salmeron stand uns nach der Beschwerde am internationalen Gerichtshof für ein Interview zur Verfügung. Dieses Interview, rund um die Situation in Frankreich, möchten wir euch nicht vorenthalten.

Frage: Wie stellt sich aus Ihrer Sicht die aktuelle Situation in Frankreich dar? Für was steht die Bewegung der Gelben Westen und für was steht die Regierung um Präsident Emmanuel Macron?

Sophia Albert Salmeron: Die Situation ist sehr angespannt. Der Präsident der Republik und seine Minister geben der Polizei weiterhin illegale Befehle, die Repression ist schrecklich.

 

Frage: Wie beurteilen Sie aus Ihrer Sicht das Vorgehen der sogenannten Sicherheitskräfte und der Polizei gegen die Gelben Westen? Was wollen Sie juristisch mit Ihrer Klage gegen Emmanuel Macron erreichen? Oder ist die Klage lediglich ein symbolischer Akt, um die Aufmerksamkeit der europäischen Öffentlichkeit auf Frankreich zu lenken?

Sophia Albert Salmeron: Die französischen Medien zeigen nicht, was wirklich passiert, nur die Videos der französischen Bürger zeigen uns die Realität. Jedes Wochenende haben wir Tote und Verletzte und wir atmen Gase, die für die menschliche Gesundheit sehr gefährlich sind.

 

Frage: Welche Erwartungen haben Sie an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag?

Sophia Albert Salmeron: Wir wollen, dass Macron und seine Minister wegen Verfolgung, Gewalt, Gasvergiftung und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt werden. Diese Beschwerde ist also kein symbolischer Akt, sondern eine echte Aktion, die auch andere Länder ergreifen wollen. Viele andere Länder warten auf Frankreich und haben Hoffnung in uns. Sogar Behinderte wurden von der Polizei geschlagen und Kinder wurden ebenfalls vergast.

 

Frage: Es sieht in Frankreich nach einer Pattsituation aus. Die Gelben Westen protestieren seit Monaten, erreichen aber auf dem politischen Parkett nichts. Der Staat antwortet weiterhin mit Repression. Es ist kaum vorstellbar, dass dieser Zustand anhält. Was wird Ihrer Meinung nach in den kommenden Wochen in Frankreich passieren?

Sophia Albert Salmeron: Die Situation in Frankreich wird sich verschlechtern, weil die gelben Westen nicht aufgeben werden und für den 22. Juni, diesen Samstag, eine allgemeine Blockade geplant ist. Was in Frankreich jedes Wochenende passiert, ist schrecklich! Wir haben das noch nie erlebt! Die französische Bevölkerung hat keine Rechte mehr. Selbst ohne gelbe Weste haben wir an den Wochenenden, das Verbot für Spaziergänge und in einer Bar etwas trinken zu gehen.

 

Die Haltung der Bundesregierung

Nach mehreren tausend Verletzten, durch die Einsatzkräfte bei den Gelbwesten Protesten, 11 Toten, ausgeschossenen Augen und sehr schweren Kopfverletzungen, zeigt die deutsche Bundesregierung keine Reaktion. Am 22.01.2019 wurde bei einer Bundespressekonferenz durch Florian Warweg, einem Reporter von RT Deutsch, um eine Stellungnahme der Bundesregierung zu der Polizeigewalt in Frankreich gebeten. Auf die Frage, wie die Bundesregierung den Einsatz von Flashballs, Blend- und Tränengasgranaten beurteile, bezog man keine Stellung. Steffen Seibert, ehemaliger deutscher Journalist und derzeitiger Regierungssprecher drückte sich wie folgt aus: Er beurteile oder bewerte das gar nicht, wie es üblich ist im Verhältnis zwischen zwei so befreundeten Ländern. Der Sprecher, Steve Alter, des Bundesministerium des Inneren äußerte sich ähnlich zu den Vorfällen. Man kommentiere grundsätzlich nicht die Maßnahmen anderer Staaten.  

 

Persönliche Erfahrungen

Wir müssen die Menschenrechte verteidigen, auch wenn es sonst niemand tut. Es ist unser Recht und unsere Pflicht, als Bürger Europas, unsere Freiheit und unsere menschlichen Werte zu verteidigen. Mitgefühl und Solidarität zwischen den Nationen dieser Welt sollten eine Selbstverständlichkeit sein.

 

Es ist eine Schande, dass wir als normale Bürger den Job unserer Presse übernehmen müssen. Weder die französische, deutsche oder die niederländische Presse waren am 11.06.2019 in Den Haag anwesend. In einem Land wie Deutschland, das fast 83 Millionen Einwohner hat, interessiert es niemandem was im unmittelbaren Nachbarland passiert.

Auch ich habe die Gewalt auf Frankreichs Straßen erlebt. Auch ich war mittendrin als man kranke, alte und behinderte Menschen, Kinder und Mütter mit Gas und Schockgranaten beworfen und beschossen hat. Und auch mir hat man mehrmals mit einem LBD40 aus nächster Nähe ins Gesicht gezielt. Ich bin um mein Leben gerannt. Ich hab gesehen, wie man in Paris Demonstranten auf dem Place de la République, mit blauem Wasser aus Wasserwerfern beschossen hat. Ich habe erlebt, wie friedliche Demonstranten stundenlang eingekesselt und kontinuierlich mit Tränengas beschossen werden. Ich habe erlebt wie ein Mann mit einem Flashball am Kopf getroffen wurde und zu Boden ging. Eine friedlich demonstrierende, junge Frau mit einem Flashball wurde vor meinen Augen am Arm getroffen.

 

In den Städten Frankreichs treiben Einsatzkräfte Menschen wie Hunde durch die Straßen.

Nicht nur in Frankreich wird mit Demonstranten auf diese Art und Weise verfahren. Auch am Tag der Europawahl am 26.05.2019 habe ich ähnliches in Brüssel erlebt. Es sollte eine angemeldete internationale Demonstration stattfinden. Doch bevor es zu der Demonstration kam wurden alle Demonstranten von 4 Seiten eingekesselt. Zwei Wasserwerfern, Einsatzkräften auf Pferden, Einsatzkräfte in Zivil und vermummte Einsatzkräfte, die weder Wappen, Abzeichen, eine Nummer oder sonst ein Erkennungsmerkmal trugen standen gegen mehrere hundert Demonstranten bereit. Es wurden einfach alle verhaftet. Nach mehreren Stunden Haft, gab es keine Anschuldigung, keine Klage, keine Papiere zum Unterschreiben.

 

Ein trauriges Bild zeichnete sich auf der Straße ab. Transparente lagen auf dem Boden, ein Demonstrationswagen, der einen rollbaren Galgen auf Rädern darstellen sollte, stand einsam zwischen 2 Polizeiwagen auf der Straße. Dazu gingen die Einsatzkräfte mit massiver Aggressivität gegen die zuvor friedliche Menge vor. Die Menschen musizierten und lachten miteinander. Brüssel wollte sich nur der Demonstranten entledigen. Wie können diese es sich nur erlauben in der geliebten „Hauptstadt Europas“ demonstrieren zu wollen?

Die Menschen haben Angst auf die Straße zu gehen. Die Menschen haben Angst zu demonstrieren und ihrem Unmut Luft zu machen. Wenn das Europa sein soll, in dem man um sein Leben fürchten muss, wenn man auf die Straße geht, Menschen mit Gummigeschossen die Augen ausgeschossen werden, Hände und Füße abgesprengt werden, dann ist die Demokratie hier nur noch ein Farce. Dann ist diese ganze EU nur eine Farce.

 

Wenn diese Verbrechen, seitens der französischen Regierung und deren Einsatzkräften nicht geahndet werden, gleicht das einer internationalen Katastrophe. Jede Regierung und jeder Machthaber dieser Welt ist dann legitimiert, mit seiner Bevölkerung zu tun und zu lassen was er will.

2 Antworten

  1. Avatar W.Fe sagt:

    Traurig, aber leider so! Ganz Europa schaut zu und klatscht Beifall für Euch! Jedoch zu schlapp um Euch zu unterstützen! Es braucht das ganze EUROPA um gegen diese brutale Diktatur der verlogenen, gekauften Politiker aufzustehen!
    Vive la France!Merde Police!
    Merde, merde, MACRON !

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