Interview mit zwei französischen Gilets Jaunes! (mit Podcast)

Interview mit zwei französischen Gilets Jaunes! (mit Podcast)

Podcast

 

Bei einem Besuch in Frankreich, haben wir auf einem Festival nördlich von Paris viele Informationen zu den französischen Gilets Jaunes sammeln können. Auf dem Festival gab es mehrere Vorlesungen, in denen es um die Bewegung der Gelben Westen und deren Aufbau, sowie aktuellen Stand ging.

Viele Gilets Jaunes waren auch selbst anwesend und begrüßten uns sehr freundlich und familiär.

Für die Vorlesungen und Gespräche mit den Franzosen, hatten wir freundlicherweise mehrere Dolmetscher zur Seite, die aufmerksam und präzise übersetzten.

Durch einen Kontakt zu der Organisation “L‘ étincelle” lernten wir zwei junge Frauen kennen, die sich von ganzem Herzen in der Bewegung der Gilets Jaunes engagieren. Eine der beiden Frauen kommt aus einem Pariser Vorort namens “La Courneuve” und die andere aus Straßburg an der deutschen Grenze, wo sie auf einer Demonstration auf der Kehler Brücke bereits Bekanntschaft mit deutschen Gelben Westen machte.

Die beiden haben sich dazu bereit erklärt ein Interview mit uns zu machen und ein paar Fragen zu ihren Erlebnissen in der Bewegung zu beantworten.

Erste Fragerunde:

Wie hat es sich in Frankreich angefühlt, als die Bewegung der Gelben Westen am 17. November 2018 begonnen hat? Welche Stimmung habt ihr in der Bevölkerung wahrgenommen? Wie seit ihr auf die Bewegung aufmerksam geworden und was dachtet ihr, um was für eine Bewegung es sich da handelt?

Gilet Jaune aus Paris:

“Ich komme aus einem Arbeiter-Vorort von Paris namens La Courneuve. Der 17. November war der Akt I, der als das erste große Auftreten der Gelben Westen galt. In meinem Vorort hat man bereits vor den ersten Demos und vor den ersten Besetzungen der Kreisverkehre die Stimmung gespürt. Man spürte, dass etwas los ist, denn überall wurde darüber geredet. ‘Da kommt etwas am 17. November, da wird etwas passieren’, sagten die Leute!

Wenn man in die Bäckerei gegangen ist, hat die Bäckerin einen darauf angesprochen und es war zu spüren, dass da etwas entsteht!

Es gab diese Stimmung, aber es gab keinen Kreisverkehr in La Courneuve, der besetzt war oder eine Demonstration der Gelben Westen. Deswegen habe ich mit einer Genossin die Initiative ergriffen und zusammen Flugblätter verteilt, um Leute zu finden, die sich für diese Bewegung der Gelben Westen engagieren wollen. Teilweise haben wir 3 Stunden oder mehr Flugblätter an U-Bahn Ausgängen oder auf öffentlichen Plätzen verteilt. Da sind mitunter 50 Personen um uns herum stehen geblieben, haben mit uns diskutiert und wollten etwas tun.

Es war nie zuvor möglich so offen und politisch mit so vielen Menschen zu sprechen und zu diskutieren. Man konnte ganz offen die Systemfrage stellen, denn die Menschen waren sich sofort einig. Macron gehört zu der Clique, die uns unterdrückt und ausbeutet. Man konnte mit den Leuten sehr offen darüber sprechen, dass wir eine Alternative zu diesem System brauchen, wie zum Beispiel Kommunismus, also es war möglich wirklich tiefe politische Diskussionen zu führen.

Auf den Flugblättern und in den Diskussionen, haben wir dazu aufgerufen eine erste Versammlung als Gelbe Westen in La Courneuve abzuhalten. Später bei der Versammlung war es ebenfalls gleich möglich zu sagen: ‘Los, lasst uns vor die Betriebe ziehen und dort Flyer verteilen’. Während viele andere gefragt haben, was das eigentlich für eine Bewegung ist, war das bei uns direkt klar. Also es war eine Bewegung von Arbeitern, die auch dazu bereit waren die Systemfrage zu stellen.”

Dem entgegnete die Frau aus dem Elsass: “Bei uns war das ganz anders!”

Gilet Jaune aus Straßburg:

“Bei mir im Elsass war es ganz anders. Ich hatte den 17. November verpasst, den hatte ich erst am nächsten Tag im Fernsehen gesehen. Aber am 24. November bin ich dann zum ersten mal mit einem Eisenbahner zusammen zu einer Gelbe Westen Demonstration gegangen. Die hatte damals bereits auf der Brücke von Kehl stattgefunden, denn die Gelben Westen im Elsass haben während dessen woanders Kreisverkehre und zwei Brücken über dem Rhein besetzt, um den Grenzverkehr zu blockieren.

Auf die Demonstration habe ich ein Pappschild mitgenommen auf dem ‘Löhne rauf’ stand, aber das hatte zu diesem Zeitpunkt gar nicht zu den vorherrschenden Forderungen gepasst. Die Forderungen die da gemacht wurden, waren eher keine sozialen oder ‘Arbeiterforderungen’, sondern nur ‘Macron muss weg’, ‘Macron raus’. Aber auch wenn die Forderungen noch keine Arbeiterforderungen im engeren Sinn waren, hat mich sofort beeindruckt, dass es vor allem Arbeitende waren die da auf die Straße gegangen sind. Vor allem viele aus Kleinbetrieben, eine kleine Minderheit aus größeren Betrieben und wirklich Kleinstunternehmer oder Selbstständige, aber zu 80% waren es Arbeiter oder Arbeiterinnen. Teilweise waren es auch Arbeitslose oder Leute die länger krank geschrieben waren durch Arbeitsunfälle und Menschen die in prekären Arbeitsverhältnissen lebten. Das sind Leute aus einem Teil der Arbeiterklasse, mit denen wir sonst nicht so viel zu tun hatten, wenn wir vor großen Unternehmen demonstriert haben. Gleichzeitig zeigten die Menschen eine unglaubliche Wut und Entschlossenheit. Daran habe ich gemerkt, da passiert wirklich gerade etwas, da muss ich dabei sein.

In einer Diskussion hatte mir jemand angeboten mich in eine Telegram-Gruppe aufzunehmen, da ich gerne mehr erfahren wollte und informiert sein wollte. Dabei habe ich über eine Telegram-Gruppe entdeckt, dass ganz viel über die sozialen Medien läuft und habe so mitbekommen, dass ganz viel in Straßburg und um Straßburg herum organisiert wurde. Dabei zeigte sich vor allem, dass sehr viele Kreisverkehre im Umland um Straßburg herum besetzt wurden. Das ging eher von den kleinen Städten und Dörfern aus. Durch diese Information konnte ich nach dem 24. November viele der Kreisverkehre besuchen, dort vor Ort sein und mit den Leuten diskutieren.

Was wirklich erstaunlich war in der Bewegung, als revolutionäre Aktivistin habe ich auch schon Erfahrungen in anderen Bewegungen gemacht, aber die Gelben Westen waren wirklich anders als alles, was ich vorher gesehen habe. Von November bis März habe ich in vier Monaten jede Woche etwas Neues entdeckt. Wie sich diese Bewegung zusammensetzt, wie sie sich organisiert und was da passiert. Es war ständig wieder Neuland, weil ich von einer Information zur nächsten gekommen bin und jedes mal, wenn ich etwas verstanden habe, hat sich wieder etwas Neues aufgetan. Inzwischen habe ich das Gefühl, einen Überblick bekommen zu haben was gerade ist und was so läuft, aber es ist so komplex,  dass ich eben vier Monate gebraucht habe.”

Zweite Fragerunde:

Wenn man in den deutschen und auch in den französischen Medien die Geschehnisse und die Analysen etwas beobachtet hat, hörte man oft, dass es sich bei den Gilets Jaunes entweder um Rechtsradikale handeln soll oder, dass es rechtsradikale Strömungen in der Bewegung gibt. Wie habt ihr das wahrgenommen? Gab es rechtsradikale Kräfte in der Bewegung? Wenn ja, wie seit ihr damit umgegangen?

Gilet Jaune aus Straßburg:

“Es wurde viel darüber diskutiert, aber ich kann dazu nur über den französischen Osten berichten, da die Bewegung überall etwas anders ist.

Zu Beginn der Bewegung gab es auf jeden Fall rechtsradikale Aktivisten, die versucht haben Einfluss zu nehmen, sowohl Leute vom “Rassemblement National” (Rasoblömon)also dem früheren “Front National” von Marine Le Pen, aber auch noch viel härtere Faschos. Es geht dabei um eine Gruppe aus Straßburg die sich “Bastion Social” nennt und die soetwas machen wie Friedhofsschändung oder Linke verprügeln, also eine Neonazi Gruppe. Diese rechten Aktivisten sind auf die Demos gekommen. Einer von ihnen ist sogar zu der Vollversammlung in Straßburg gegangen, hat da aber nicht viel gesagt. Sie haben versucht auf die Demos Einfluss zu nehmen und haben es auch einmal versucht sich an die Spitze zu stellen und an der Spitze des Demonstrationszuges zu laufen. Gleichzeitig haben sie auch versucht zu provozieren und Schlägereien mit den Bullen anzuzetteln, in der Hoffnung, dass es Chaos gibt, was aber nicht funktioniert hat. Die Mehrheit der Gilets Jaunes hat da nicht mitgemacht und hat sich dafür nicht einspannen lassen.

Es gab auch einen Vorfall, wo die Rechten auf einer Gelbwestendemo linke Aktivisten angegriffen haben. Ich habe auch gehört, dass danach einzelne Rechte auf Demos aufgetaucht sind oder präsent waren, aber das hat insgesamt sehr schnell nachgelassen und sie sind weggeblieben, weil die Diskussionen und die Forderungen der Gelben Westen überhaupt nicht in ihr Schema gepasst haben. Es ging überhaupt nicht um Migranten und Migrantinnen oder … ja die Flüchtlinge wären an diesem oder jenem Schuld. Man hat vielleicht ganz selten mal hier oder da eine Bemerkung gehört, aber das Thema war überhaupt nicht zentral in den Diskussionen oder Forderungen der Gelben Westen. Es ging immer um soziale Fragestellungen, die überhaupt nicht zu den rechten Organisationen und deren Zielen passen.

Bei dem was ich gerade gesagt habe, bezog ich mich auf die rechten Aktivisten und deren Organisationen, wie sie versucht haben die Bewegung zu beeinflussen oder zu unterwandern. Das bedeutet aber nicht, dass es unter den Arbeitern nicht einige gibt, die bei Wahlen für Marine Le Pen gestimmt haben und man in den Diskussionen immer wieder Argumentationen gehört hat, die von den Rechten gepusht werden, wie z.B.: ‘Wenn es weniger Einwanderer gegeben hätte, würde es mehr Sozialhilfe oder Sozialleistungen für uns geben’. Solche Sachen hat man immer wieder gehört, aber ich hatte das Gefühl, dass auch da die Bewegung immer wieder sehr geholfen hat, dass die Menschen besser verstehen wo die Probleme herkommen. Die Menschen haben in der Bewegung gelernt. Schon allein dadurch, dass sie dazu bereit waren, sich mit Linken und auch mit Linksradikalen gemeinsam zu organisieren und gemeinsam mit ihnen diskutiert haben. Dadurch sind für sie andere Fragen mehr in den Vordergrund gerückt. Was aber nicht heißt, dass bei dem Ergebnis der Europawahlen sich nicht einige gefreut haben, dass Marine Le Pen die meisten Stimmen bekommen hat. Aber ich glaube nicht, dass sie Marine Le Pen toll fanden, sondern eher ein bisschen aus Schadenfreude, dass Macron weniger hatte.

Um nur ein Beispiel über die Veränderung der Menschen aufzuführen: Die Frau mit der ich gemeinsam die ganze Koordination in Ostfrankreich angestoßen habe, hat zuvor immer Marine Le Pen gewählt und jetzt zu diesen Wahlen hat sie das erste mal nicht Marine Le Pen gewählt. Sie sagte zu mir: “Ja, stimmt ja eigentlich! Bei dem was die Marine Le Pen in ihrem Programm hat, fordert sie ja eigentlich keine Lohnerhöhung und macht nichts für die armen Leute und das sind ja eigentlich meine Forderungen”. Das ist natürlich nur ein individuelles Beispiel, aber zeigt ja, wie die Bewegung eher Leute von den Rechten wegbewegt.

Nun kommt noch hinzu, dass gerade die Gewerkschaften, vor allem die Cgt von Anfang an gesagt hat, die Gelben Westen wären rassistisch, rechts und fremdenfeindlich. Das haben sie vor allem öffentlich und medial gesagt, was nur eine Ausrede oder Begründung war, warum sie sich als Gewerkschaften nicht anschließen. Das hat natürlich auch die Wahrnehmung der Bewegung geprägt.”

Dritte Fragerunde:

Wie hat man sich innerhalb der Bewegung organisiert? Wir wissen, dass dabei die sozialen Netzwerke eine große Rolle gespielt haben und die Leute sich über die sozialen Medien vernetzt haben. Aber gibt es auch regelmäßige Ortstreffen oder Versammlungen, bei denen man sich in den entsprechenden Regionen trifft und Aktionen plant?

Gilet Jaune aus Paris:

“Also bei uns in La Courneuve war es einerseits so, dass wir zu wöchentlichen Treffen der Gelben Westen eingeladen haben und diese dann auch jede Woche stattgefunden haben. Dort haben wir uns besprochen und die Leute, die dabei waren haben auch Entscheidungen getroffen. Da haben die Leute auch festgestellt, dass man sich nicht nur wie in den sozialen Netzwerken verabreden konnte, sondern auch besser besprechen konnte vor welchen Großbetrieben man Flyer verteilt, wie man auf einer Demonstration vorgeht, wie man die Demonstration vor Angriffen der Polizei schützt oder trainieren konnte, wie man Ketten bildet. Man konnte die Treffen auch nutzen, um persönlich miteinander politisch zu  diskutieren, welche Forderungen man haben möchte. Daran hat man gemerkt, dass das sinnvoll ist.

Andererseits hatte der Rest der Bewegung, der nur zu den Aktionen gekommen ist, große Vorbehalte gegenüber jeder Art von Strukturierung und Organisierung. Sie sagten immer, es sollte alles horizontal ablaufen. Sie wollten also keine Versammlungen außerhalb der Aktionen. Da gab es also große Vorbehalte und gerade anfangs auch Ablehnung.

Gerade zum Anfang der Bewegung war vielen nicht klar, wieso man sich treffen und zusammensetzen wollte. Im Großraum Paris, wo die Bewegung viel schwächer war als in anderen gegenden Frankreichs, gab es Koordinationen oder ein paar selbsternannte Koordinationen. Da waren eigentlich nur die Politaktivisten und Aktivisten von politischen, teilweise auch linken Gruppen drin. Da wurden so ein paar große Reden geschwungen, aber die haben nicht wirklich etwas dargestellt. Wenn Gelbe Westen das mitbekommen haben, waren sie eher abgeschreckt und waren erst recht nicht motiviert da hin zu gehen. Also gab es gerade zu Beginn der Bewegung eher weniger direkte Treffen oder Versammlungen. Da sagten dann viele: ‘Ach es ist doch besser im Internet abzustimmen und dann dahin zu gehen, wo man Bock drauf hat, statt sich endlos lange Reden auf einer Versammlungen anhören zu müssen.’

Gilet Jaune aus Straßburg:

“In Wirklichkeit ist die Bewegung gut organisiert, aber nicht so, wie ich es vorher gewohnt war oder wie Gewerkschaften organisiert sind. Also nicht so, wie in einem TopDown Projekt, wo von oben nach unten organisiert wird. Nach und nach habe ich aber mitbekommen, das die Gruppe, die den Startschuss am 17. November organisiert hat, “La France en colère” (Frankreich in Wut), das tatsächlich vorher so vorbereitet hat, sich real getroffen hat und nicht nur eine Facebookseite gemacht hat. Es ist also nicht alles nur in Facebook erfolgt, dass es am 17. so gelaufen ist, sondern auch von Anfang an über Kontakte die sie in alle möglichen Regionen in Frankreich hatten und jeweils Ansprechpartner und Leute vor Ort. Die haben dann lokal vor Ort Facebookseiten gegründet. Es war also von Anfang an strukturiert und von oben vorbereitet von der Gruppe “La France en colère”.

Aber auch wenn sie das von oben organisiert haben, war das eher subtil, also es ist nicht so, als wenn andere anarchistische oder autonome Gruppen in einem bürokratischen TopDown-Projekt organisieren. In Wirklichkeit war es so, dass die “La France en colère” von oben Vorschläge, Facebook Posts, Aufrufe gemacht hat und diese auch lokal verbreitet worden sind. Wie zum Beispiel, die für die ganze Region Elsass zuständige Gruppe, die bereits zum Beginn der Bewegung 44.000 Mitglieder hatte. Also da waren schon viele Leute involviert und da wurde schon von oben dirigiert und keine demokratischen Abstimmungen gemacht. Aber gleichzeitig haben sie über die ganzen Facebookseiten sehr genau geschaut, was es für ein Echo gibt oder was es für Kommentare gibt. Darauf haben sie wiederum reagiert und das Ganze aufgenommen. Insofern gab es schon ein Feedback der großen Masse über die Kanäle der sozialen Medien. Damit hat diese Masse Einfluss genommen auf das, was die “La France en colère” gemacht und geplant hat. Das war für mich sehr interessant, wie die sozialen Medien da funktioniert haben und auch, wenn es nicht das normale demokratische wie Basisdemokratie war, haben die Leute dennoch über die Kommentarfunktionen Gehör gefunden.

Für mich und meine Leute war also eine Menge Arbeit nötig, dafür zu werben und durchzusetzen, dass es eine demokratische Organisationsform gibt, wo man sich dann auch physisch trifft, diskutiert und gemeinsam entscheidet. Einfach weil das die Möglichkeit für die Leute ist, die Kontrolle für die eigene Bewegung zu übernehmen, um selbst mitentscheiden zu können und um selbst etwas umzusetzen. Das hat durchaus gedauert und war nicht immer einfach, aber trotzdem kann man feststellen, dass es jetzt inzwischen bei vielen Gruppen funktioniert. Man kann auch sehen, dass bei den Gruppen, wie bei mir in Straßburg zum Beispiel oder in Commercy wo basisdemokratische Gruppen oder Vollversammlungen gemacht wurden und wo zu Diskussionen angeregt wurde, noch die meisten Leute von der Bewegung übrig sind. Das sind die, die am stärksten sind, weil sie sich solide zusammengeschlossen haben. Da durch physische Treffen klarer ist, wir gehören zusammen, wir halten zusammen, was machen wir als nächstes, wie ist der Stand der Bewegung und die Leute waren weniger individuell enttäuscht. Sie sagten sich nicht: “Oh die Bewegung geht zurück, ok dann gebe ich auch auf”. Sondern man konnte besprechen was können wir noch machen, gehen wir Flyer verteilen oder wen können wir noch ansprechen, denn diese ganzen Erfahrungen haben wir kollektiv gemacht.

Ganz wichtig ist auch, dass Arbeitende die jetzt das erste mal an einer Bewegung teilgenommen haben, in den letzten sechs Monaten gelernt haben wie man sich organisiert, wie man koordiniert, wie man sich strukturiert und wie man in einer Bewegung plant. Ich war zum Beispiel jetzt zu den letzten drei Vollversammlungen in Straßburg nicht da. Die Letzte war gestern, da war ich schon hier auf dem Festival, davor war ich in anderen Städten in Gelbwestenmission unterwegs. Da haben die Arbeiter, die vorher nicht aktiv waren die Vollversammlungen geschmissen, haben sich über Tagesordnungen Gedanken gemacht, den Vorsitz geführt und so weiter. Das war nur möglich, weil sie diese Erfahrungen gemacht haben und das wird bleiben, auch über diese Bewegung hinaus.”

Gilet Jaune aus Paris:

“Ich möchte das noch mit einer Anekdote unterstreichen.

Als ich in Gelber Weste Flyer verteilt habe, habe ich einen Typen getroffen. Das war im Dezember. Er meinte: “Ich arbeite bei Air France” das ist durchaus ein Großbetrieb “und seit zwei Wochen gehe ich immer in Gelber Weste zur Arbeit. Ich bin sonst jemand der in Anzug und Krawatte zur Arbeit geht. Aber ich habe die Gelbe Weste immer darüber angezogen und habe mich stets geweigert sie auszuziehen, obwohl die Werksleitung das von mir verlangt hat. Ich habe dann immer geantwortet ‘nö wieso, ich habe doch keine Uniformspflicht, ich kann tragen was ich will.’ Er hatte sich dann auch der Gelbwestenbewegung in La Courneuve angeschlossen. Er war am Anfang schon der Typ, der bei Air France stark genug war, der Werksleitung Kontra zu geben, aber der ansonsten am Anfang eher Schwierigkeiten hatte seine Gedanken auszudrücken. Jetzt nach einigen Monaten der Bewegung ist er in der Lage selbstständig im Betrieb Leute um sich zu scharen. Da es in seinem Betrieb eine Gelbwestenbewegung gab, sind viele Leute von Entlassungen bedroht und er begleitet sie zu den Chefs, obwohl er gar nicht gewerkschaftlich organisiert ist. Da unterstützt er, macht in der Kaffeepause kleine Versammlungen und hat bei einer Veranstaltung ein Referat gehalten. Da konnte ich nur daneben sitzen und musste gar nichts mehr machen. Das ist ein super Beispiel, wie schnell die Leute innerhalb einer Bewegung dazulernen.

Aus der letzten Frage ist eine Diskussion mit Personen entstanden, die vor Ort waren.

Deutscher Teilnehmer:

“Bei uns in Deutschland kenne ich die Organisation der Bewegung von Fridays for Future. Diese Bewegung hängt auch sehr viel von sozialen Netzwerken ab und da konnte ich jetzt ein paar Parallelen erkennen. Auch bei Fridays for Future sagte man, das sei irgendwie wie Pilze aus dem Boden gewachsen, das kam alles in 5 Minuten so heraus. Das stimmt natürlich so auch nicht. Das ist auch vor allem von den Grünen in Berlin installiert worden mit Ansprechpersonen in vielen Städten. Es sind WhatsAppp Gruppen gegründet worden mit Ansprechpartnern und dies und das. Die haben diese Bewegung dominiert mit Strukturen. Wir sind da dann natürlich auch rein und haben versucht etwas mit Basisdemokratie aufzubauen und eine Struktur von unten nach oben aufzubauen, um dem entgegenzuwirken. Aber dennoch mussten wir am Ende feststellen, dass das politische Potential von den Grünen gedeckelt wurde, also, dass es ganz schwierig war irgendwie links an den Grünen vorbei zu kommen. Einfach weil von vornherein diese Strukturen so stark waren und natürlich auch kein radikaleres Bewusstsein von den Schülern vorhanden war, wie es öfter bei Arbeiterbewegungen zu sehen ist.

Gilet Jaune aus Straßburg:

Nur eine Bemerkung dazu, weil der Mechanismus wie das organisiert wurde ähnlich war. Der große Unterschied dabei ist, dass “La France en colère”, die Gruppe, die das von oben angestoßen hat eben nicht parteipolitisch ist und auch weder ein parteipolitisches Projekt oder noch ein Wahlprojekt war. Sie entsprach vielmehr der Basis der Gelben Westen. Der eine war Lastwagenfahrer und die anderen auch einfache Arbeiter. Das ist vielleicht der Unterschied, dass sie nicht irgendetwas parteinahes waren.

Deutscher Teilnehmer:

Ja, das ist eben so interessant, dass das in Frankreich funktioniert und eben bei anderen Bewegungen wie Fridays for Future eben nicht. Auch wenn es keine klassische basisdemokratische Struktur war, die sich ganz langsam von unten aufbaut, hat es gezeigt, dass es funktionieren kann. Aber da hängt es natürlich sehr davon ab, was es für eine Bewegung ist, die das auslöst. Deswegen bin ich noch etwas zwiegespalten dem gegenüber.

Eine weitere Zuhörerin aus Deutschland ergänzt:

Das liegt halt an den ursprünglichen Initiatoren, denn diese spiegeln sich in der Bewegung wieder. Da das bei Fridays for Future die Grünen sind, kommt man da nicht über deren Niveau hinaus. Es ist eben von den Grünen nach oben hin gedeckelt und sie lassen nicht zu, dass man über sie hinaus kommt. Da die Gruppe aus Frankreich, die “La France en colère” viel durchmischter sind, blieb das auch in der Bewegung bestehen.

Gilet Jaune aus Straßburg:

Die “La France en colère” hatte auch mich bereits vorher überzeugt. Ich hatte vor dem 17. November bereits lange mit dem Rodrigues gesprochen, der einer der Initiatoren war. Ich bin überzeugt, dass sie nicht das Ziel hatten die Bewegung von oben zu kontrollieren, über die sozialen Medien sondern, dass sie das Ziel hatten die Bewegung zu pushen, damit die Bewegung erfolgreich ist. Was daran wichtig ist, ist die Rolle der sozialen Medien zu sehen und zu verstehen. Am Anfang der Bewegung habe ich wirklich drei Stunden täglich auf den sozialen Medien verbracht und in 15 verschiedenen WhatsApp und Telegram Gruppen. Die ersten vier Monate habe ich täglich etwa 800 bis 1000 Nachrichten bekommen. Das ist natürlich ein krasser Informationsfluss, aber das hat mir geholfen zu verstehen und zu begreifen, wie die Stimmung ist, was die Leute denken und was sie machen. So konnte ich die Bewegung verstehen und gleichzeitig Kontakte knüpfen und die Bewegung aufbauen. Natürlich stimmt es total zu sagen, die wirkliche Bewegung findet nicht in Facebook oder in Messengern statt. Es war eine virtuelle Unterstützung, aber die wirkliche Bewegung findet auf den Straßen, in den Kreisverkehren und auch bei den Versammlungen statt. Gerade am Anfang gab es natürlich mit den sozialen Netzwerken Schwierigkeiten, aber wir haben das immer wieder versucht zu pushen. Ich bin überzeugt, dass wir das auch bei anderen Bewegungen noch sehr oft sehen werden. Wenn revolutionäre Aktivisten kein Facebook, WhatsApp und Telegram haben, können sie nichts bewegen. “

Interviewer:

“Vielen Dank für das Gespräch. Wir haben sehr viele interessante Einblicke in die Bewegung erhalten können und wünschen den Gilets Jaunes weiterhin sehr viel Erfolg.”

Die Gilet Jaune aus Straßburg hat auf dem Festival am Tag zuvor ein Rede über die Gelben Westen gehalten, die wir zeitnah auch veröffentlichen werden.

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